Wir sind DA! 1409_philosophen-700x495-300x212 Böse Philosophen. Das vergessene Erbe der Aufklärung Humanistischer Salon Veranstaltung  Buchvorstellung und Diskussion mit Wolf-Hartmut Kuper  |

Paris, wenige Jahre vor Ausbruch der Revolution: Im Salon des Barons d’Holbach treffen sich regelmäßig die besten Köpfe Europas. Denis Diderot, David Hume, Laurence Sterne, Jean-Jacques Rousseau und viele andere Denker des 18. Jahrhunderts streiten um eine zeitgemäße Philosophie, die die Religion hinter sich lässt und allein auf die Kraft des Verstandes setzt, aber auch den Leidenschaften angemessenen Platz einräumt. Philipp Blom erzählt ein Kapitel europäischer Geschichte und bringt die radikale Variante der Aufklärung wieder in Erinnerung, die eine Idee von einer wirklich menschlichen Gesellschaft hatte. Ein historisches Meisterstück und philosophisches Plädoyer zugleich.

Zu Beginn macht sich der Autor Philipp Blom auf die Suche nach dem Ort, wo sich Paul Henri Thiry d’Holbach und Denis Diderot in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts regelmäßig mit anderen Philosophen und hochrangigen Gelehrten Europas trafen, um sich über verschiedenste radikale Theorien der Aufklärung und Politik auszutauschen. Dabei macht Blom klar, dass sich deren Ideen gegen das gesamte Fundament des damaligen Abendlandes richteten und deutlich radikaler waren, als etwa die der Vertreter der Französischen Revolution.

Er beschreibt die Zustände der damaligen feudalistisch-klerikalen Gesellschaft, die Zensur von kritischer Literatur/Philosophie, die drakonischen Strafen bei Nichteinhaltung von Verbannung bis zur Hinrichtung sowie die Notwendigkeit privater Salons. Dort konnten sich die Vordenker der Aufklärung weitgehend frei austauschen und an ihren Werken arbeiten. So sei etwa die Encyclopédie, deren Mitarbeiter überwiegend Besucher des Salons von Holbach waren, nicht nur ein Mittel gewesen, das Wissen der Welt zu sammeln, sondern auch die strikte Zensur zu umgehen und neue Ideen zu veröffentlichen.

Blom beleuchtet sowohl Kindheit als auch Jugend von Diderot und Holbach, verdeutlicht dabei die materiellen Unterschiede und zeigt auf, wie die beiden zueinander gefunden haben und eine enge Freundschaft entstand. Zu dieser Freundschaft gehörte zunächst auch Jean-Jacques Rousseau. Allerdings zerbrach diese im Laufe der Zeit, aufgrund der verschiedenen Weltanschauungen und seiner zunehmenden Paranoia. Rousseau habe in Wirklichkeit ein zutiefst pessimistisches Menschenbild vertreten und mit seiner Philosophie die Fundamente einer repressiven und brutalen Gesellschaftsordnung gelegt. Er habe nur das christliche Menschen- und Weltbild übernommen und es in eine neue Philosophie verpackt. Daraus seien u.a. der Große Terror unter Robespierre und die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts entstanden. Beide Philosophien werden von Blom ausführlich beschrieben. Kritik wird auch an Voltaire geübt, da dieser nach Blom viel mehr am eigenen Wohlstand interessiert gewesen sei und unbedingt als Aushängeschild der Aufklärung dienen wollte. Deshalb habe er sich nicht gegen die Kirche, sondern gegen Teile der radikalen Aufklärer gewandt.

Bis heute bestimme dieses alt-christliche und nur in neuer Form verpackte Weltbild von Rousseau unser Denken. So würden wir immer noch in Kategorien wie „Erlösung“ und „Verdammnis“ verweilen und Angst vor scheinbar unlösbaren Problemen haben, wie etwa dem Klimawandel, nuklearen Kriegen oder zerstörerischen Asteroiden. Auch deshalb seien wir so anfällig für Ideen wie dem Sozialismus, dem vollkommenen Markt oder Science-Fiction, da dies als eine Art Ersatzhimmel wirke. Dieses Verständnis spiegele sich u.a. in der Sexualmoral, der Werbung, dem Gesundheits- und Jugendkult, der Filmbranche sowie in der Ablehnung radikaler Wissenschaft wie Stammzellenforschung und Gentechnik wider.

Diderot und Holbach hingegen werden als radikale Atheisten und Religions- sowie Kirchenkritiker beschrieben, welche die Ideen von Naturalismus, Materialismus, Sensualismus, Pragmatismus, Relativismus sowie jede Form von Gleichberechtigung und Feminismus teilten. Sie seien Vordenker der Evolutionstheorie gewesen, hätten schon theoretische Erkenntnisse über die DNA, die Natur der Atome, psychologische Erklärungsmodelle und vielem mehr gehabt, was erst Jahrhunderte später wissenschaftlich bewiesen wurde. Sie glaubten nicht an einen Sinn des Lebens, außer dem des Überlebens, Linderung von Schmerzen und Förderung des Genusses. Sie entwickelten eine Moral von Freiheit und Leidenschaft, deren einziges Prinzip sei; alles ist gut, was dem Menschen langfristig gut tut und umgekehrt. Dies solle zu einer Gesellschaft führen, welche von gegenseitigem Respekt getragen wird.

Die Gründe für das weitgehende Scheitern der Philosophie der radikalen Aufklärer und deren Unbekanntheit gegenüber Philosophen wie Voltaire, Kant oder Rousseau sei gewesen, dass sowohl zunächst die Vertreter der Französischen Revolution, als auch später die europäischen Monarchen insbesondere infolge des Imperialismus viel mehr an ihrer eigenen Macht sowie an der Ausbeutung der Kolonien und deren Bewohnern durch Sklaverei interessiert gewesen seien. Eine Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen, wie sie von Diderot und Holbach vertreten wurde, hätte dem Imperialismus die Legitimität entzogen.

Blom kommt zu dem Schluss, unser Festhalten am vermeintlichen Sinn des Lebens sei nichts weiter als Narzissmus. Die Philosophen um Holbach und Diderot hätten dieses Prinzip umgekehrt: Nur aus der Sinnlosigkeit entstehe Ethik. Und aus dieser Einsicht entstehe das, was schon Epikur gefordert habe: Der ständige Versuch, die eigenen Leidenschaften zu verfeinern und zu lenken, statt sie zu verleumden, das eigenen Glück in dieser Welt zu finden, der eigenen Umwelt so wenig wie möglich zu schaden und so viel Gutes wie möglich zu schaffen.

Philipp Blom: Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Carl Hanser Verlag, München 2011


Dienstag, 07.01.2014
20:00
Galerie 'The Box'
Duisburger Str. 97 | 40479 Düsseldorf

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Böse Philosophen. Das vergessene Erbe der Aufklärung