»der Irrationalität in all ihren Facetten entgegenwirken.«

Wir sind DA! Link-Logo-DA-Art-Award-300x201 Grußwort der Schirmherrin  Mir hat es aber geholfen! Für mich ist das aber wahr! Ich glaube fest daran! Diese Sätze sind Rechtfertigungen für irrationale Überzeugungen jeglicher Art. Sei es die Gewissheit, dass Gebete erhört werden, Weltdeutungen zu unverrückbaren Glaubenssätzen versteinern oder Personenkulte ein Hinterfragen verhindern. Und nicht zuletzt sind da die unerschütterlichen Überzeugungen von Anhängern der Pseudomedizin, die dem »Danach geschehen, deswegen geschehen«-Fehlschluss erliegen.

Wir sind DA! Natalie-Grams-216x300 Grußwort der Schirmherrin
(c) Foto: Dorothee Pirioelle

Das Thema des DA! Art-Awards »… wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus!« will aufzeigen, wie gefährlich die Verquickung oder gar die Verwechslung des Realen mit dem Irrationalen sein kann. Gewünschtes herbeizwingen zu wollen, indem man das Irreale und Unbelegte als Erklärung bemüht, ist zweifellos ein zutiefst menschliches Verhalten. In der Religion äußert es sich im Vertrauen auf göttliche Fügung und Weisung und damit oftmals in der Preisgabe konkreter Handlungsmöglichkeiten. In der Medizin (meinem Fach) zeigt sich Irrationales in der Verweigerung realer Behandlungsoptionen zugunsten des Vertrauens auf nachweislich oft unwirksame Mittel und Methoden. Beiden Fällen wohnt ein Schadenspotenzial für sich selbst und oft auch für andere inne.

In einer Zeit, die über nie da gewesenes Wissen verfügt, sollte es mitmenschliche Pflicht sein, der Irrationalität in all ihren Facetten entgegenzuwirken. Aufklärung über die Möglichkeiten und Chancen des Realen und die Risiken und Gefahren des Irrationalen ist gelebte Humanität. Eine solche Aufklärung will den Menschen – ganz im Sinne Kants – in seiner Mündigkeit stärken. Sie will ihn befähigen, bewusst und informiert, eigene Entscheidungen zu treffen. Sei es in Fragen der Lebensführung, des gesellschaftlich-sozialen Daseins, der Erziehung und – für mich sehr wichtig – im Bereich von Gesundheit und Krankheit. Eben dies ist die Überzeugung, die mich in meiner Aufklärungsarbeit zur Pseudomedizin leitet.

Natürlich »wirkt« so manches auch ohne eigenes spezifisches Potenzial. Es wirkt aufgrund des Placeboeffektes, wegen der eigenen Überzeugung oder der Konditionierung durch bisherige Erfahrung. Letztlich also beruhen die Wirkungen auf erklärbaren Prozessen, rational nachvollziehbar und belegbar. Dieses Rationale ist jedoch dem schnellen, intuitiven Denken nicht unbedingt zugänglich. Und seine Wirkung wird deshalb allerlei Glaubensüberzeugungen zugeschrieben. Etwa einer »geistigen Arzneikraft«, die das rituelle Schütteln beim fast unendlichen Herausverdünnen eines angenommenen Wirkstoffes freisetzen soll. So – ein Beispiel von vielen – die irrationale Annahme der Homöopathie.

Ist das alles ein Thema für die bildende Kunst? Oh ja! Denn die Kunst kann die Aufklärung vorantreiben. Lassen wir sie also auch hier wirken … über den Placeboeffekt hinaus.

Ihre Natalie Grams


Zur Person: Geboren wurde die Ärztin, Autorin und ehemalige Homöopathin am 12. April 1978 in München. Bundesweit bekannt wurde sie aufgrund ihres 2015 erschienenen homöopathiekritischen Buchs Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft. Hier beschreibt sie ihren Weg heraus aus der Homöopathie, bricht darin aber auch eine Lanze für mehr Empathie und Zuwendung in der normalen Medizin. Aufklärung über Pseudomedizin und Esoterik ist in den letzten Jahren zum Arbeitsschwerpunkt von Natalie Grams geworden. Sie engagiert sich für die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.) und den Deutschen Konsumentenbund. Ehrenamtlich ist sie als Vize-Präsidentin des Humanistischen Pressedienstes tätig, ebenso als Beirätin der Giordano-Bruno-Stiftung sowie im Münsteraner Kreis, einer interdisziplinären Expertengruppe mit dem Ziel, pseudomedizinische Methoden kritisch zu hinterfragen. Gemeinsam mit dem Autor und Homöopathiekritiker Norbert Aust rief Grams 2016 das Informationsnetzwerk Homöopathie – INH ins Leben, dessen Leiterin sie ist. Regelmäßig schreibt sie eine Kolumne für Spektrum der Wissenschaft unter Grams` Sprechstunde.

Der Satz und damit das Thema des diesjährigen DA! Art-Awards »Homöopathie wirkt nicht über den Placebo Effekt hinaus!« ist durch Natalie Grams‘ Auseinandersetzung mit der Firma Hevert, einem Hersteller homöopathischer Produkte, quasi über Nacht zum geflügelten Wort geworden.