Wir sind DA! Rückseite-252x300 Die unbarmherzigen Schwestern – Missbrauchs-Praktiken in einem Heim katholischer Schwerstern Der säkulare Film Veranstaltung   Film von Peter Mullan |

Im letzten Jahrhundert wurden über 10.000 irische Mädchen in sogenannte Magdalenen-Heime eingewiesen. Diese Kinder und Jugendlichen waren dort einem religiös geprägten Terrorregime ausgeliefert und litten in kaum vorstellbarem Maße unter der Willkür, oft auch der Boshaftigkeit, von Nonnen. Es gab Unterschiede zwischen den Heimen und deren Personal, aber insgesamt handelte es sich um institutionalisierte Menschenfeindlichkeit und brutale Ausbeutung. So wie die Schwestern selbst, sollten auch die aufgenommenen Mädchen ihre Individualität an der Klosterpforte abgeben und sich in ein stramm durchorganisiertes, repressives System einfügen. Das Sagen hatte die allmächtige Mutter Oberin, die nach außen hin den schönen Schein wahrte. Viele Mädchen wurden jahrelang eingesperrt und manche blieben bis zu ihrem Tod im Heim, weil sie zu einem Leben außerhalb der Klostermauern nicht oder nicht mehr in der Lage waren. Etliche von ihnen waren Waisen, Halbwaisen oder Kinder von alleinstehenden Müttern oder verarmten Eltern. Viele wurden als Sünderinnen betrachtet, weil sie sexuell belästigt oder vergewaltigt worden waren, schwanger geworden waren, ein uneheliches Kind hatten, sich für Jungen interessiert oder sonstwie gegen die stockkonservative Moral verstoßen hatten, die bis in die 60er- und 70er-Jahre – auch in Deutschland – vorherrschte. Es reichten oft schon kleinste Normverstöße. Es wurden sogar Mädchen eingekerkert, weil sie besonders hübsch waren und daher als sittlich gefährdet galten. Sie galten aber nicht nur als gefährdet, sondern – wie noch heute besonders in islamischen Ländern – als eine Gefahr für die Männer. Die ehrbaren Väter, Brüder, Cousins, Lehrer, Nachbarn u.s.w. mussten vor den attraktiven Mädchen geschützt werden. Veranlasst wurde die vorübergehende oder dauerhafte Entsorgung der sozial Schwachen und der vermeintlichen Verführerinnen durch Angehörige oder per Gerichtsbeschluss. Die Magdalenen-Heime finanzierten sich durch die kaum oder gar nicht bezahlte Zwangsarbeit ihrer Insassinnen. Vermutlich waren sie hochprofitabel. Viele der älteren Mädchen schufteten nach der Schule wie Sklavinnen in Wäschereien, wo sie nicht nur die Wäsche der Nonnen waschen, sondern vor allem auch Wäsche für Krankenhäuser, Hotels oder die Armee von Hand waschen und anschließend mangeln mussten. Oder sie mussten im Akkord stundenlang Rosenkränze binden, oder sie wurden als Arbeitskräfte an Privatleute oder Betriebe ausgeliehen. Natürlich mussten sie auch im Heim putzen, in einem Teil der Heime sich um jüngere Kinder kümmern und sonstige notwendige Arbeiten erledigen. Neben Schule, Zwangsarbeit und religiösen Prozeduren blieb für die individuelle Entfaltung kaum Zeit und Kraft. Persönliche Beziehungen zu den Bräuten Christi waren unerwünscht. Auch Freundschaften zwischen den Mädchen sollte es möglichst nicht geben. Bei der Arbeit herrschte Redeverbot. Viele von ihnen waren von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Ernährung, Bekleidung und medizinische Versorgung waren oft unzureichend. Es gab praktisch keine Intimspäre, keine Rückzugsmöglichkeit. Landesweit wurden zehn solcher Heime betrieben. Einige davon leiteten die Sisters of Mercy, ein 1831 gegründeter Orden. Die irische Öffentlichkeit wurde auf die katastrophalen Verhältnisse in diesen Einrichtungen erstmals 1985 aufmerksam, als eine junge Frau im Radio interviewt wurde, die nach ihren Eltern suchte. Dabei kam zur Sprache, dass sie in einem der Heime systematisch misshandelt worden war. Die junge Frau war übrigens weggesperrt worden, weil sie ohne Erlaubnis ins Kino gegangen war. Man hat ihr zunächst nicht geglaubt, aber der Bann war gebrochen und nach und nach meldeten sich immer mehr Opfer.

1993 fand man auf dem Gelände eines ehemaligen Heims die Gebeine von 155 Insassinnen, die anonym, d.h. ohne Grabstein, bestattet worden waren. Dies führte zu heftigen öffentlichen Diskussionen. Der Film „The Magdalene Sisters“ spielt in den 60er-Jahren und kam 2002 in die Kinos. Die Geschichten sind fiktiv, orientieren sich aber an den schon vorliegenden Zeugenaussagen. Eine kleine Einschränkung: sexuelle Übergriffe auf Mädchen waren sehr selten, in den Einrichtungen für Jungen aber weit verbreitet. Nachdem ich etliche Kapitel in dem 2009 veröffentlichten Ryan-Report gelesen habe, der 2500 Seiten umfasst und auf Hunderten von Zeugenaussagen von Opfern sowie Stellungnahmen von Mitgliedern der Orden basiert, kann ich verstehen, dass viele der Geschädigten den Film für verharmlosend halten. Dazu nur ein paar Beispiele aus dem Heim der Sisters of Mercy in Goldenbridge. Dort mussen Kinder auf dem kalten Flur zur Bestrafung mit dem Stock antreten und oft stundenlang warten, bevor sie geschlagen wurden. Verlassene, ausgestoßene Kinder, die niemand liebte, wurden zusätzlich gequält, indem man sie erst mal lange zittern ließ. Bettnässen wurde mit Schlägen bestraft, ab vier Uhr nachmittags durften diese Kinder nichts mehr trinken. Sie tranken in ihrer Not aus der Toilette, die Großen oben, die Kleinen unten. Da auch im Verlauf des Tages oft aus geringen oder nicht erkennbaren Anlässen geschlagen wurde, waren die Kinder ständig in Angst. Nach und nach wurden alle Magdalenenheime geschlossen. Dafür waren aber nicht ethische Einsichten verantwortlich, sondern die Erfindung der Waschmaschine. Das Geschäftsmodell funktionierte nicht mehr.

Im Jahr 2003 wurden erstaunlicherweise in Irland an 12.000 Opfer katholischer Heime jeweils 65.000 Euro ausgezahlt. Die Kosten übernahm weitgehend der Staat. Der irische Staat ist – im Unterschied zu Deutschland – bis heute die treibende Kraft bei der Aufklärung klerikaler Schandtaten. Auch die ehemaligen „Magdalenen“ sollen nun vom Staat Beträge von bis zu 100000 Euro erhalten. Die insgesamt vier Orden, die jahrzehntelang Mädchen schikaniert, gedemütigt, ausgebeutet, der Menschenwürde beraubt und für ihr restliches Leben schwer geschädigt haben, machten inzwischen mit dem Verkauf ihrer Magdalenen-Heime 296 Millionen Euro Gewinn. Sie wollen sich an der weiteren Aufarbeitung, aber nicht an den Zahlungen beteiligen.

IR/2002 Regie: Peter Mullan


Sonntag, 20.10.2013 | 12:00 Uhr
Metropol Kino
Brunnenstr. 20 | 40223 Düsseldorf
Eintritt 10,-

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